
Lutz macht einen auf Kurt. Lutz Keller heißt der Besitzer der „Restauration Tucholsky“. Das verrät ein erster Blick auf die Speisekarte des wohl touristischsten Platzes auf der Torstraße. Von der Oranienburger über die Tucholskystraße kommend, schwappt hier in regelmäßigen Abständen eine Horde ermüdeter Touristen oder auch Großfamilien über die Torstraße, um sich von Lutz a.k.a Kurt ein wenig Berlinische Kost in den Rachen schieben zu lassen. Die Dichte an Berliner-Weiße-Trinkern ist entsprechend hoch. Im Sommer kann man sich diese nach all dem Pflastertreten ganz herrlich im Biergarten gönnen. Begrenzt durch die vier Spuren im Süden und durch hässliche Waschbetonfassaden in Ost und West schafft Lutz es trotzdem, in seinem Biergarten eine Form von Heimeligkeit zu entfachen.
Es ist gemütlich irgendwie. Die Sitze sind gut gepolstert, man ist nett zueinander, die Kellner erfüllen viele Berliner Klischees, klammern aber die Unfreundlichkeit aus. Für die jüngsten Besucher haben sie sogar schon einmal unaufgefordert eine Gratis-Kugel Eis parat, für die Berlinhungrigen einen mit allen Wassern gewaschenen Spruch auf den Lippen. Auch drinnen geht es familiär zu. Bilder voller Berlin- und Familienhistorie, Zeitungen jeglicher Art und eine gut sortierte Weinbrand-Theke erwecken den Eindruck gepflegter Gastlichkeit, wie man sie auch aus dem Nikolaiviertel kennt, auf der Torstraße ja eher nicht.
Es soll halt Berlinisch sein hat sich Lutz gedacht. So offeriert die Karte neben der „Weiße“ in grün und rot auch ein Berliner Gedeck mit „Molle“ und wahlweise 4 Zentilitern Chantré oder Doppelkorn. Zu Essen gibt es neben vielen „gut deutschen“ Speisen auch die Berliner Schlachteplatte mit so charmantem Allerlei wie frischer Blut- und Leberwurst, einem kleinen Eisbein, Spreewälder Sauerkraut und Petersilienkartoffeln. Den Touris scheints zu munden. Aber keine Sorge, da sind auch viele gute Sachen dabei. Der Lutz weiß eben was sich gehört, aber auch was gut ist. So bietet er Zander, echtes Kalbsschnitzel, Salate, Gemüsevariationen, Lendchen und gewiss keine halbgare Kost. Der Koch weiß was er tut. Stilistisch sollte Lutz sich jedoch nicht allzu oft von den akquisefreudigen Vermarktern hiesiger Brauereien und Getränkehersteller bequatschen lassen. Denn in der Summe wirkt die Kombination aus Biergarten und Speisekarte doch wie ein kleiner Logopark aus Jever, Berliner Pilsener, Granini, Marlboro und und und … was den ohnehin überraschenden Charme des Ladens schmälert. Andererseits: vor den Waschbetonfassaden der Umgebung liefern die vielen Jever-Sonnenschirme beizeiten sogar einen willkommenen grünen Farbklecks.
Den Besuchern ists ohnehin eher egal. In großer Runde wird gelacht, gefachsimpelt, laut geflunkert und natürlich feist gespeist und getrunken. Es ist schon dunkel und das immerhin im Sommer. Es ist Zeit zu speisen. Aber Stopp, einmal noch der echte Kurt – getarnt als Theobald - weils so schön passt, zumindest das mit der Friedrichstraße:
Ja, das möchste: Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
Theobald Tiger: »Das Ideal«, in: Berliner Illustrirte Zeitung, 31.7.1927, Nr. 31, S. 1256.
Vorspeise: Kalte Gurkensuppe mit Shrimps
Das hätte sich die Arbeiterklasse zu Kurts Zeiten wohl nur träumen lassen. Gurkensuppe, okay, aber mit Shrimps verfeinert, ein wenig Knoblauch und viel Schnittlauch, das ist schon eine edle Kombination (4,20 Euro). Vor allem bei 28 Grad. Der berlinernde und rote Schürze tragende Kellner bringt ein Körbchen Brot mit Sour-Creme dazu und wünscht Guten Appetit bei dem „Süppchen“. Den habe ich - schließlich hat Kurts Gehilfe mich rund 30 Minuten auf diese Kaltspeise warten lassen und dabei locker erreicht, dass bereits der zweite große Drink vor mir steht ohne dass der erste Bissen getätigt wurde. Das ist die Macht der kleinen Geschäftstreibenden, der ich mich gerne beuge. Auch der erste Löffel der flüssigen Gurken, lässt mich Kopf und Nacken weiter Richtung tiefer Teller beugen, um den Hunger schneller zu stillen und auch um die Genussquote zu erhöhen. Denn die Suppe ist nicht nur super erfrischend, sie ist auch, nachdem kräftig mit Salz und Pfeffer nachgewürzt wurde, extrem lecker. Gurkenstreifen geben ihr Konsistenz, Shrimps verleihen ihr Charakter und mein Hunger ermöglicht ihr ein leichtes verführerisches Spiel mit der Gaumenpartie.
Hauptspeise: Großer Gartensalat mit gebratetenen Hähnchenbrustreifen
Ehrlich: Um den Authentizitätstest mit Kurt oder Lutz zu machen hätte eigentlich etwas Berlinisches auf den Teller gemusst. Aber um 21:30 Uhr in lauen Sommerlüften verpassten mir Eisbeine, Riesebouletten, Tartar sowie Leber-, Grütz- und Blutwürste dann doch so massive Magenhiebe, dass ich mich ganz sommerlich für den großen Gartensalat (8,90 Euro) entschied. Die Bestellung erfolgte schnell, dann folgte das Warten. So lange, dass ich zwischenzeitlich dachte, Lutz wäre kurzerhand noch in seine Kleingartenkolonie Tegel gedüst, um das ganze grüne Zeugs dort zu pflücken und um dem Namen „Gartensalat“ alle Ehre zu machen. Als er dann kam, kam der Salat aber immerhin ganz frisch, mit warmer Hähnchenbrust und sommerlichen Früchten und Mr. Rote Schürze entschuldigte sich brav, wie es sich gegenüber den manchmal ja auch komisch aufmüpfigen aber Spendierhosen tragenden Touristen gehört. Der Salat ist dann sehr gut. Sehr grün. Sehr reichhaltig. Croutons und Kürbiskerne geben ihm Effet. Einzig ein paar zusätzliche Paprikastreifen hätten ihm gut getan. Keine große Erfindung, nix mit Kurt zu tun, aber lecker und leicht. Das sah gut aus und passte schon.
Nachspeise: Frischer Rhababer mit Vanilleeis und Sahne
Der Nachtisch war ein Flop. Das klang gut, sommerlich, frisch, entblößte sich aber als in Vanillesoße ertränkter Furchtkompott. Sowieso: Vanillesauce ist ja mindestens so überbewertet wie Sauce Hollandaise. Und beides – so offenbart die Speisekarte – wird im Tucholsky gerne offeriert. So will es eben die gute deutsche Küche und so wollen es vielleicht auch die Touristen. Ich jedenfalls kann mit diesem ganzen Gesoße nicht besonders viel anfangen und wenn dann schon in Maßen. Bei der Nachspeise im Tucholsky mischten sich Eis, Sahne, Soße und Kompott so, dass am Ende gar nicht mehr klar war, was denn nun eigentlich wie schmeckt. Ein undifferenziertes und undifferenzierbares Gemansche. Die 4,20 Euro hätte ich lieber sparen und in das nächste Reclam Heftchen investieren sollen, um zu ergründen was dem Kurt wirklich wichtig war. Beim Nachtisch jedenfalls hat der Lutz dem Kurt keine Ehre erwiesen.