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Hüllenlos

Toca Rouge, Hausnummer 195

Buddha

Toca Rouge also – nicht Moulin Rouge, auch wenn die violette Schrift auf schwarzem Grund plus Name mich gedanklich zunächst in Richtung Rotlichtmilieu abschweifen lassen. Nix da. Das gibt’s nicht auf der Torstraße und Toca Rouge ist ohnehin das komplette Gegenteil.
Kein schummriges Licht, alles ist sichtbar, keine falschen Versprechen. „Toca“ – was auch immer das heißen soll - steht für die totale Transparenz. Auf geschätzten 18 Quadratmetern gibt´s Gutes für alle Sinne. „fine food“ versprechen die jungen Macher. Mal sehen. In Sachen Zubereitung lassen die asiatischen Twentysomethings auf jeden Fall sehr offensiv die Hüllen fallen. Die Küche befindet sich im Lokal. Offene Flamme, jede Menge Woks, eifrige Hände, das Personal legt sich ins Zeug. Es scheppert, klappert, brutzelt, zwischendurch wird geschnippelt oder auch mal etwas flambiert, man weiß also was später auf dem eigenen Teller landet. Ich weiß dies zu schätzen.

An den Tischen sitzen die Frisuren mindestens so gut wie die Namen der Speisen. Wer will schon Chop Suey oder Curry Massaman, wenn „red black honey girls“ oder „crazy orange chicken“ einem entgegentreten? Sowieso. Der Laden – ich wusste nicht, dass man so viele Styles auf so engem Raum kicken kann. Rot weiße Wandflächen hinter weißen Tischen mit rot weißen Tischen und ohne Schnickschnak. Designer-Glaskugellampen werfen schönes Licht und eine Blume für den gesamten Raum. Asiatische Askese, die gefällt.

Das asiatische Personal ist komplett in schwarz gekleidet, drei Herren und eine junge Dame die sich ein „Emily the strange“ Leibchen übergeworfen hat: „Emily is happy to be mad“. Gut. Geschmacksache. Aber in diesem Kontext hat das was. Trotz aller Aufgeräumtheit hat der Laden eine Prise Crazyness. Eigentlich habe ich den ganzen Abend nur darauf gewartet, dass irgendein Mitte-Kosmopolit aufspringt, den ganzen Laden in die Luft jagt oder alles irgendwann als Filmkulisse enttarnt wird. Stattdessen aber philosophieren zwei Damen, die aufgrund der Enge des Raumes sehr nebenan von uns sitzen über das alte Spiel des Verlassens und Verlassen-Werdens, die Männer und das Leben als solches, werfen Catfish Happen zwischendurch ein und lamentieren weiter.

Zeit sich dem Essen zu widmen.

Ein Blick auf die zwei unprätentiösen kopierten Din A 4 Seiten, die hier als Speisekarte unter das Mitte-Volk geworfen werden. Ziel anvisiert: Hinein in die Suppe, hinein in den „green-white-pool“.

Reinkommen: „Green white pool“

Ja, ja, diese Namen, man hat nicht nur das Gefühl das die Augen, sondern auch die Assoziationen mitessen. Green white pool: das steht also für Suppe. Klar: Pool, eben. White steht für chinesischen Reiskuchen. Dünne Scheiben, die man auf deutsch vielleicht als Knödel-Essenz oder ähnliches verrücktes bezeichnen würde. Geschmacklich irgendwo zwischen Germknödel und Tofu. Grün hingegen steht für Wasserspinat. In China wird dieser angeblich als eine Hauptfutterpflanze für die Schweinezucht verwendet. Aha. Gepaart wurde er in dieser Suppenkreation mit ein paar Algenstreifen, die der Suppe etwas fischiges verliehen sowie mit Gemüse und dünnen Ingwer-Streifen. Insgesamt eine sehr klare Speise, die mich zunächst – auch aufgrund des etwas maritimen Geruchs – in Meerassoziationen abtauchen ließ. Löffel für Löffel gewöhnten sich allerdings Gaumen und Geist an diese wirklich sehr besondere Kreation. 2,50 Euro waren es auf jeden Fall wert, den Pool mal auszuchecken. Die Hosen runterlassen würde ich allerdings für diese Suppe nicht. Aber immerhin diente die Suppe sich aus dem Toca über die Tor nach Taiwan zu manövrieren und sich den Berliner Asphalt für eine Weile aus dem Hirn zu löffeln.

Ausbreiten: Miami Dice

Wieder so ein Name. Mit Miami Vice kokettierend, auf ein Wettspiel verweisend, sich aber auf Asien beziehend. Nun denn, wenn panasiatische Kost die Phantasie so sehr beflügelt, wieso gibt es dann überhaupt noch bewusstseinserweiternde Drogen? Oder aber: inwieweit hatten bewusstseinserweiternde Drogen Einfluss auf die Namensgebung? Antworten blieben mir der smarte, gefühlt 22-jährige Betreiber und die ebenso bizarr bezaubernde Emily-Dame schuldig. Der Teller (7,50 Euro) verlieh dem vielseitig interpretierbaren Namen eine neue Note und gab ihm ein klares Gesicht. Süßes, klein gehobeltes gut gebratenes aber nicht überbratenes Rindfleisch mit überraschend geil daherkommenden Birnenstücken und grob gewürfelten sehr konsistenten Möhrenwürfeln. Letztere setzten große Effekte und führen wohl jetzt immer dazu, dass ich die guten alten Rüben daheim nur noch halb so lange wie vorgeschrieben garen werde. Großer Knabberspaß. Ein wirklich gelungener Mix. Ein bisschen weniger Soja-Soße und das Ding wäre perfekt gewesen. Trotzdem nahm die Messer-Gabel-Kombination an Fahrt auf, nicht immer die auf der Zunge-zergehen-lassende Tester-Nummer war jetzt angesagt. Speed. Hunger. Sich fallenlassen. Mann war das lecker, da können sich einige der unzähligen Asia-Bratstuben mal schön hinten anstellen. Die Toca-Posse ist nicht nur smart und cool, sondern vor allem auch gut. Alles im gewohnten Laden-Corporate-Design serviert, so dass auch das Auge erneut auf seine Kosten kommt. Das wirkte noch nicht mal aufgesetzt, wie so oft in diesen auf das neue moderne Leben verweisenden Läden. Und auch der Magen füllt sich so dermaßen, dass kaum noch Platz lässt für Gang drei. Aber: keine Ausreden, das System lässt keine Wahl, die Torstraße ist mindestens so hart wie die Möhren im Essen. Aber wer kann bei dieser Namensgebung denn widerstehen.

Wegfliegen: Sticky Orange Love Pudding

Erneut dieses komisch blöde Film-, Titty-Twister-Taratino-Streifen Gefühl. Weg damit. Sticky Orange Love (2,50 Euro), das macht aus dem Toca dann doch kurzerhand die Moulin Rouge Bar. Die Beschreibung verspricht Tangwang in süßer Orangen-Soße. Emily bringts im erneut sehenswerten, aber diesmal recht unhandlichen Glas-Format. Mit langen Löffeln machen wir uns gleich an die beiden Herzstücke des Desserts: Die Tangwangs. Unklar blieb allerdings bis jetzt, was Tangwang überhaupt heißen soll. Als Band-Name klingt das ziemlich cool. Also, falls noch eine 60s Beatband auf der Suche ist…..Torstraße hilft. Meine Übersetzung siedelt sich erneut im Bereich Germknödel an. Also: kleine handliche Reiskuchenbällchen mit einer Mohnpaste. Mit dem Löffel lässt man diese nun ein paar Mal durch die Orangensauce sausen (wieso heißt das Gericht eigentlich nicht orange-white pool?) balanciert die zwei Sündlinge dann aus dem Glas und lässt sie komplett im Mund verschwinden. Komplett? Anders gings nicht. Versuche die Bällchen zu zermantschen, zerdrücken oder gefühlvoll zu zerkleinern schlugen fehl. Widerspenstige Dinger waren das und alle Ideen führten nur zu einem mohngetränkten black-orange-Disaster plus Teig. Ganz hingegen geben die Dinger dem Gaumen so einiges Gutes, nicht unbedingt so sehr asiatisch, besser wohl zum frisch flambierten nyc cake passend, der auf der Tageskarte offeriert wurde, auf den wir aber verzichteten. Okay, man ist eben Kosmopolit in diesen Zeiten, die Globalisierung undsoweiter undsofort. Hauptsache es schmeckt und gegessen wird sowieso was auf den Tisch kommt – oder wie war das noch mal im der Ball-ist-rund-Seminar der unnützen Weisheiten?

Am Ende bleibt auf jeden Fall die Gewissheit wiederkommen zu wollen. Allein schon wegen der Freude die alle dort haben, Leute zu erfreuen, die sich an Essen und kleinen Details erfreuen. „Szene kommt hier immer“, eröffnet mir noch der liebenswerte asiatische Conceptioner, mit einer Prise Stolz, die er gerne haben darf und dass er plane weitere Lokale an anderen, besseren Adressen zu eröffnen. Da rebellierts dann doch insgeheim in mir. Gute Geschäftsidee hin oder her, aber Einzigartigkeit lässt sich schwierig fortpflanzen, mein Lieber und Toca Rouge ist bislang schon ziemlich einzigartig. Und wo soll es denn anderswo sein, als auf der einzigartigen Gemischtwarenladentorstraße. Das ist doch gerade das große daran. Wieder so ein kleiner Juwel - hinter all diesen Fenstern.

 

 

Hörbares zum Essbaren:
Jeffrey Lewis – No LSD tonight
Of Montreal – Suffer for fashion
Micky Green – White T-Shirt

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