
„W.“ steht für Willi – das habe ich bei meinem Besuch in der von außen unscheinbaren Eck-Gaststätte gelernt. Willi wiederum kann den Osten ganz gut buchstabieren. Auch das ist ein Lerneffekt. Umzingelt von all den hippen, durchgestylten, pub-vercrawlten Läden rund um die Tor-Ecke-Schönhauser wirkt Willis Laden sobald man ihn betritt als das erhabene Pendant. Voller Anmut, mit dem Bewusstsein über die guten alten Zeiten und stilvollem Ost-Pragmatismus offenbart sich „das Prassnik“ – wie der Kenner sagt – als ein Hort gepflegter Ost-Kultur. Braun-rot-türkise PVC-Quader auf dem Boden, Resopal beschichtet Tische, grau-gemusterte Retro-Tapeten, uncharmante Wand-Leuchten, stahlbeinige Stühle mit Holz-Sitzfläche. Das wirkt wenig inszeniert, keineswegs aufgesetzt, sondern durch und durch authentisch. Ganz so also wäre es schon seit über 40 Jahren so – auch wenn es sich beim Prassnik, so sagt man, um einen „Nachbau“ handelt. Experiment geglückt. Da versteht es sich von selbst, dass bitteschön geraucht werden darf.
An den Tischen findet man eloquente Stammgast-Gruppen aber auch apathische Grübler-Charaktere mit Zichte, Bier und Buch, die den Eindruck wecken, Aki Kaurismäki habe sie höchstpersönlich dorthin dirigiert. Sowieso: Für die perfekte Filmkulisse haben Willi Prassnik und seine Mannen gute Vorarbeit geleistet. Ein schöner Mix aus Leuten, die wissen weshalb sie hier sind und nicht in der neuen Odessa Bar ein paar Schritte weiter hoch.
Wir entschieden uns für den Fenstertisch, mit Blick auf das motorisierte Torstraßen-Treiben, aber auch mit Blick in die wirklich tolle und ab 20 Uhr sehr schnell gefüllte Location. Allein aufgrund des tollen Biermännchen Logos an der Fassade und auch auf der Getränkekarte musste natürlich ein ebensolches zum Einstieg her. Willi Prassnik bietet hier was Eigenes: Das „Prassnik“ für smarte 2 Euros, das aber im Magen eher Schwere verursachte. Also doch lieber das norddeutsche „Flens“ oder ein – *räusper* – „Kölsch“, das so gar nicht zu der mit allerlei Wodka-Sorten und jugoslawischem Slivovitz bestückten Karte passte. Das Essen steht im Prassnik auf einem laminierten Din-A-5-Blatt. Es öffnet bereits verschlossen geglaubte Sprachwelten in denen noch Würzfleisch, Salatgarnituren und Sättigungsbeilagen existieren. Auf einer Tafel wird das Tagesgericht angepriesen: Sauerkrautsuppe. Ich entscheide mich für die laminierte Soljanka.
Wenn schon Osten, dann Soljanka (3,30 Euro) bitteschön. Was das ist? „Wurstsuppe mit Tomate“, offenbarte mir ungeschönt der freundliche aber auch überaus gemächlich agierende Prassnik-Kellner. Das ganze gab es in stilechtem blau-weiß-gemusterten Küchengeschirr und natürlich mit einem Schuss guter Sahne. Geschmacklich erinnerte es an Kindergeburtstage oder Sport-Großveranstaltungen oder Pfarrfeste und an all die westdeutschen „Wurst-Gulaschs“ die man schon einmal über sich ergehen lassen musste. Ein wenig Zucker, gut Ketchup, ein bißchen Porree, einen Hauch Tomate und viiiiel Wurst. Komischerweise isst man die krude Mischung dann doch immer komplett auf. Als Beilage zum Bier funktioniert das gut. Als Sättigungsgrundlage auch. Mehr wurde nicht versprochen. Mehr wurde nicht gehalten. Aber so ganz viel mehr wurde auch nicht erwartet. Ins Prassnik-Ensemble passte es. Das ist ja auch schon sehr viel wert. Stilecht.
Ost-Wan-Tan nannte mein Münchner Freund Peter, der mich auf dieser kulinarischen Etappe begleitete, diese Kreation. Schön. Als Tortelloni oder Pierogi oder gefüllte Teigtasche hätte ich die auch durchgewunken. Eine sprachliche Korrektur hingegen muss ich bei dem „mit“ vornehmen. Denn die Pelmenis (5,80 Euro) präsentierten sich auf dem erneut tollen, praktikablen, matt-gelben, schon leicht abgestoßenem Geschirr in saurer Sahne badend. Ich bestimmte mit dem Löffel die Schwimmrichtung und die Wassertiefe der zwölf Teigbatzen. Leider ließ sich ein tiefes Eintauchen in die Sahne – nicht zu verwechseln mit diesem neudeutschen Sour-Creme-Kram – nicht verhindern. Das war gut gemeint, aber leider deutlich zu gut. Die Pelmenis waren okay: würzig und authentisch, aber die Sahne in ihrer vereinnahmenden Art raubte den Teigtaschen die Seele. Da halfen auch die durch die Soljanka bereits bekannten Porree-Scheibchen nichts. Ich blieb meiner Linie treu und löffelte trotzdem ganz aus. Peter auch. Bein nächsten Mal – und das wird es wegen des einzigartigen Ambientes geben – wähle ich Kassler, Knacker mit Senf oder Würzfleisch mit Toast. Und ich gebe dem „Prassnik“-Gebräu eine zweite Chance.
„Prost W.!“ – „Auf die nächsten 40 Jahre!“