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Bissfester Pragmatismus

Patagonia, Hausnummer 210

Bär

Plastiktische auf Waschbetonplatten. Chromsitze mit Bastsitzflächen. Auf den Tischen: per Clipart gestaltete Dessertkarten. Angebotsflyer. In den Fenstern des Lokals: Plakate. „Probierangebot: mehr als 50 Prozent reduziert…“. Soll das Patagonien sein? Das Patagonien der Torstraße ist billig, kühl, umzingelt von Waschbetonfassaden. Ab und zu, so scheint es, wagt sich ein Bewohner aus seinen vier Wänden weg von der Flimmerkiste, raus auf die Straße, auf nach Patagonia um dort eine Pizza für 3,90 Euro zu ordern und diese neben der heimischen Fernbedienung zu verputzen. Patagonia ist ein Schurkenstaat. Verantwortlich für die vielen Flyer die täglich in den Briefkästen Berlins landen. Angebote, Angebote, Angebote. Alles reduziert. Nicht nur heute. Immer. Was soll dann überhaupt der Vollpreis? Im Patagonia jedenfalls wurde der durchgestrichene Preis gleich mit auf die Karte gedruckt. Zwecks Lesbarkeit. Man will ja keine Missverständnisse aufkommen lassen. „Pizzeria. Steakhouse. Cocktailbar.“ Patagonia will alles können. Für jeden soll was dabei sein. Deswegen hält die Karte locker über 100 Gerichte parat. Der Kellner, der den Außenbereich und auch den tristen 60 Leute fassenden aber nur mit drei Gestalten gefüllten Innenbereich des Waschbetonbasements bewirtschaftet, hat mit Patagonien nix am Hut. „Chef aus Patagonien“, antwortet er mit südeuropäischem Akzent auf die Nachfrage. Ein Ackerer, einer der alles weg macht, schon mal fünfe gerade sein lässt und Pragmatismus vor Liebe zum Detail und Herzlichkeit stellt. Das passt zur Gesamtatmosphäre. Hauptsache man wird satt und nicht allzu arm dabei. Und was fürs Auge kriegt man ja ohnehin genug woanders in Berlin. „Non, Nee, No!“, springt mir auf einem Plakat der DKP zur Europawahl ins Auge. Ein Aufruf. Noch kann ich fliehen, aber ich schließe die Augen für einen Moment und bleibe. Das Spiel lässt keinen anderen Schluss zu. Der Blog als Selbstversuch. Ich in Patagonien. Mein Sonntagsessen. „Füllung is next“.

1. Füllung: Minestrone

Ganz gemäß der multikulturellen Atmosphäre in Patagonia entscheide ich mich für den italienischen Einstieg. Minestrone. 3,87 Euro war gestern verrät mir die durchkreuzte Zahl. Nun auf sensationelle 2,50 Euro runter gepreist. Ja ja, die Finanzkrise macht auch vor den Toren Patagoniens keinen Halt. Die Suppe kommt mit einem Schwung Pizzabrötchen die mir aus meiner Dorfjugendzeit, wo die Nummer des heimischen Pizzalieferanten an jeder Pinnwand heftete, noch bestens bekannt sind. Brokkoli, Möhren, Blumenkohl aus Frostas Tiefkühltüte mischen sich mit einer über die Ränder des weißen Geschirrs schwappenden Tomatensuppe und mit einer guten Dosis Chili. Das ganze schmeckt nicht besonders, aber auch nicht so schlimm wie erwartet. Also: weglöffeln und Klappe halten. Die Aussicht auf Autoverkehr und Waschbetonwände genießen. Für die Werbepause von Deutschland sucht den Superstar reicht das allemal. So billig kann man es kaum selbst machen, höre ich sie alle nuscheln, die Schurken. Wohlfahrtsstaat Patagonien.

2. Füllung: Rostbraten 200g Rumpsteak mit gerösteten Zwiebeln und Bratkartoffeln   

Wenn schon südamerikanische Wurzeln angedeutet werden, darf im Schurkenstaat Patagonia natürlich keine schnöde Pizza folgen, sondern Steak. Wobei jedoch bei dem Gericht zunächst nicht ganz klar war, was mich denn nun erwartet: Rostbraten oder Rumpsteak. Nur der Preis war eindeutig: 7,90 Euro – von 13,78 reduziert, für immer und ewig, aber ohne Salatbeilage. Die wäre extra. Als das Gericht dann kam, blieb die Frage was es denn nun ist weiter offen. Immerhin war es Rindfleisch. Klar wurde, dass die patagonischen Protagonisten eher auf die Preis- als auf die Qualitätsstrategie setzen. Unter der Schicht verbrutzelter Zwiebelberge verbarg sich ein zähes Stück übermäßig durchgegarten teilweise schwarzen Rindfleischs, dessen Verzehr zu einer großen Herausforderung wurde. Wo überhaupt kann man das Messer ansetzen, wo lässt sich das gute Stück schneiden, wo beißen, wie kauen? Ein Grauen. Ich gab bei der Hälfte auf, speiste mich von den Zwiebeln - unter die sich auch schon mal ein Maiskorn mengte - und von den wenig gebratenen Bratkartoffeln - unter denen ich auch schon mal eine Pommes heraus angeln durfte. Die Fertigcocktailsauce samt Salatblatt ließ ich ebenfalls liegen. Auf die Zwischenfrage ob alles okay ist und mein Murren, dass das Fleisch doch reichlich schwarz geraten ist, blinzelte Mr. Patagonia nur kurz gütig, flüsterte „ja ja, der Grill“ und wandte sich wieder seinem vielseitigen Betätigungsfeld zu. Ob´s geschmeckt hat, fragte er am Ende nicht mehr. Der ehrlichen Antwort wusste er galant zu entgehen. Die Reste auf dem Teller nahmen diese ohnehin schon vorweg. Ganz grausam.

3. Füllung: Tartufo     

Wennschon, dennschon. Nicht aufgeben. Die dritte Etappe des Selbstversuchs wollte noch genommen werden. Tartufo – frisch aus der Bofrost-Box. So schnell zubereitet wie ich es noch nicht einmal bestellen konnte. Einmal in der Mitte durchgeschnitten. Ein Stück auf die linke, eins auf die rechte Seite, ein wenig Schokosauce drüber. Fertig. Das Fertigeis schmeckte ganz  anständig. Es war das Highlight der drei patagonischen Gänge, wenn man hier überhaupt von Highlight sprechen darf. Mit knallhart durchkalkulierten nicht reduzierten 3,60 Euro war es immerhin aber auch fast so teuer wie eine ganze Pizza Diavola, von den in der Zwischenzeit bestimmt 20 auf die Berliner Straßen geschickt worden sind.  Schokopulver trifft Vanilleeis trifft Kirschkern trifft Sauce. Eine gute Kombi, auf deren Entwicklung die preisbewussten Betreiber aber auch keinen einzigen Gedanken verschwendet haben. Zur Aufhellung meines mürrischen Gesichtsausdrucks verabreichte mir der Kellner noch zum Abschied einen eifrig in ein Ramazotti-Glas gewuchteten Schuss Billig-Grappa. Puuh. Den gab es sogar aufs Haus. Der musste aber auch sein. Ich kippte weg und zahlte brav und schleppte mich raus. Bei aller Liebe zur Vielfalt: Das hat Patagonien und das hat auch die Torstraße nicht verdient. Nie wieder – auch nicht zum Sonntagsbrunch für 4,90 Euro (vorher 6,90 Euro).

Patagonische Bad-Taste-Bouncer:
Blumfeld – Krankheit als Weg
Pivot – Sing, you sinners
MGMT – Weekend Wars

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