
Ein Tisch. Ein Gast. Ein Laptop. Ein Tisch. Ein Gast. Ein Laptop. Ein Tisch. Ein Gast. Ein Laptop. Sankt Oberholz heißt mich willkommen. Das klingt bajuvarisch oder österreichisch. Ist es aber keineswegs. Es ist die Brut- und Speisestätte der vielbeschworenen und einmal durch alle Feuilletons durchgeprügelten neuen Arbeiterschicht bzw. derer „die es Arbeit nennen“ wahlweise auch der „digitalen Boheme“ oder irgend so einem Post-New-Economy-Kram. Vom Wir-Gefühl á la Friebe und Lobo ist nicht allzu viel zu spüren. Jeder werkelt eher für sich, googelt dort, twittert hier oder bloggt ein bisschen rum. Keine Ahnung ob was zwischen denen oder deren Rechnern läuft. Immerhin sind sich fast alle bei der Wahl des Laptop-Herstellers einig.
Wer was Echtes zum Blättern will, hat aus einer Fülle an Lifestylemagazinen die freie Auswahl. Fest steht: wenn es schon kein Gegenüber ist, muss irgendetwas anderes her: Leuten mit Laptop zuzusehen bringt´s nicht, notfalls eben Handy, Blackberry oder Ipod. Der gemütlichen Atmosphäre nimmt das Scrollen, Hochladen und Zuklappen glücklicherweise nichts. Die mondänen Twenty- und Thirtysomethings schauen freundlich drein, wenn sie von ihren portablen PCs aufblicken. Holz-Tische und Holz-Wendeltreppe verleihen dem Laden etwas ambivalent Gemütliches. Da jeder arbeitet, ist es eher leise, Jazz plätschert im Hintergrund. Ab und an traumwandelt eine Horde Gäste der umliegenden Hostel-Industrie herein. Dann wird es etwas lauter. Hinter der Theke demonstrieren die gutaussehenden Bediensteten jeglichen Geschlechts, wo an der Tor-Ecke-Rosenthaler-Straße das Style-Barometer hängt: ganz weit oben.
So lungern auch unter den Tischen vorzugsweise Röhren-Jeans mit Second-Hand-Sneakern oben drüber schauen Billy-Holiday-Brillen auf Flachbildschirme, während gepflegte Digitalarbeiter-Hände zwischendurch den Latte-Macchiato-Becher rühren oder die wirklich empfehlenswerten frischen Säfte (0,4 Liter für 3,50 Euro) zur Mundpartie führen – „ditte is Mitte!“ „Oder is ditte schon Munich?“ So schlecht jedenfalls is ditte nicht.
Nach einer Weile entscheide ich mich dann bei all´ den Bytes auch mal für ein paar Bits. Die raumfüllende Rundtheke bietet viel: Quiches, Pasta, Suppen, Brote, Panini, Kuchen – vorzugsweise selbstgemacht. Den Küchenkräften kann man auch draußen von der Torstraße aus durch ein Glasfenster zusehen. Das ist eine schöne Idee.
Die deftige Variante der Suppen-Vorkost wurde per Mund und nicht per Maus an der Theke geordert und auch brav nach oben transportiert, denn in Oberholz packen die Gäste selbst mit an. Ganz recht so, ein wenig Bewegung tut bei all den Netz-Exkursionen ganz gut. Mein Suppen-Exkurs (3,50 Euro) gestaltete sich dann doch schon fast als Hauptspeise. Große Tasse, feiner Kohl – kein grober westfälischer Wildwuchs – aber viiiel und dazu grob geschnittene Möhren- und Kartoffelwürfel mit leicht sämiger Suppe und einem Stück Fladenbrot als Attachement. Mittendrin kleingeschnittene Knacker, die ihrem Namen alle Ehre machten. Ja, das war gut und lecker und schon sehr sättigend und es durchbrach ein wenig die „auch Essen macht schön“-Attitüde einiger Gäste ohne dabei gleich aus der provinziellen Wurstküche zu stammen. Das wird direkt mal gebookmarkt.
Der alte Fritz (mit Manchego-Käse) musste in der Auslage bleiben, der stolze Heinrich machte das Rennen. Aber hinter den geschichtsträchtigen auf St. Oberholz und deutsche Wurzeln verweisenden Namen steckte alles andere als Hausmannskost. Vielmehr mutierte mein Heinrich eher zum Giancarlo. Fladenbrot mit Rucola, Serrano-Schinken, Aioli und eingelegten Paprika. Das ganze italo-hispanische Kombinat (3,20 Euro) wurde noch kurz lieblos aufgewärmt, dann konnte es losgehen. Geschmacklich war das alles dann doch eine herbe Enttäuschung. Trocken, dünn belegt und ohne jeglichen Effet diente es weniger als Speise denn als Magenfüller nach einem zehnstündigen PC-Battle. Schicker als Fast Food aber trotzdem nicht gut. Solche Fladenbrot-Stullen belege ich mir dann doch daheim mal besser selbst. Woher der Heinrich seinen Stolz nimmt blieb mir jedenfalls unklar – sowieso doof, diese Namen, da fehlt ja nur noch der böse Adolf.
Kaum hatte ich die deutschen Schurken hinter mir gelassen, gings auf nach Amerika. „NYC Cheesecake“. Also doch nicht Mitte oder Munich, sondern so global wie das Netz ist man hier in Oberholz, das eigentlich ja gar nicht auf einen Ort, sondern auf den Namen des Eigentümers verweist. Und dieser darf sich gerne mit gutem Kuchen rühmen, denn der Cheesecake bestach durch seinen überaus karamelligen mit Erdbeerscheibchen bestückten Boden, der Heinrich den Stolz raubte und ihn sanft aber bestimmt ins Abseits beförderte. Das war wirklich ein ganz famoser Kuchen (2,80 Euro) zu dem ich mir – wie es sich im Staate Oberholz gehört – noch einen großen Kaffee-Latte genehmigte. Als Kuchen-Location ist der Laden also absolut empfehlenswert. Und auch zum Rausgehen mit Freunden und zum Gucken wer da kommt, bevor die Rechenmaschinen sich öffnen, die Gesichter verhüllen und sie in ihrem etagenübergreifenden Datenbrei vereinnahmen. Ich komme wieder – auch ohne Laptop.